Mitteilung an den XXIII. Internationalen Kongreß italienisch-deutscher Studien, Meran, Mai 1996



Italiano


Während zweier früherer Kongresse dieser Akademie wurde mir die Ehre zuteil, Ihrer Aufmerksamkeit einige Untersuchungen eindeutig metaphysischer beziehungsweise philologischer Natur zu unterbreiten. Ihr Ort (nach Heidegger) wurde vom 18. Jahrhundert in Deutschland bestimmt, genauer gesagt vom System und der Schule Alexander Gottlieb Baumgartens.
Mein aktuelles Thema mag angesichts dieser vorhergehenden Argumente diskontinuierlich erscheinen. Ich werde nämlich meine Aufmerksamkeit auf das telematische Netz der Gegenwart, besser bekannt unter dem Namen Internet, richten.
Dieses Thema bietet sich einer Vielzahl von Betrachtungen in den verschiedensten Bereichen an, von der Metaphysik über die Soziologie bis hin zur Epistemologie. Mit Leichtigkeit zieht es Mißbilligungen antiken und vornehmen Ursprungs auf sich. Im Phaidros wurde die Speicherung und Übertragung - wie wir heute sagen würden- von Daten in stabiler und öffentlicher Form der Schrift aus zwei Gründen für schädlich erachtet: Das Gedächnistraining wird zum einen geschwächt, und zum anderen wird die zwar auffällige aber nur auf Ansammlung bedachte und leere Kultur begünstigt. Diese Ideen, so wie sie hier stehen, könnten sofort auf den Speicher und auch die künstliche Intelligenz des network übertragen werden. Aber indem ich noch etwas die Begrifflichkeiten verschiebe, fände sich diese platonische Warnung auch in der Angst desjenigen wieder, der eine Vorlesung, Konferenzen, Kongresse oder allgemein gesagt ein menschliches Gespräch von Dir zu Mir vorbereiten muß.
Vom Benutzer des Internet könnte man - und ich werde es hier tun - mit Edgar Allan Poe sagen: He is the man of the crowd. Der Massenmensch, der nur im telematischen Kollektiv überleben kann, bleibt teilnahmslos einsam, an seinem Bildschirm klebend und flüchtige Trugbilder verfolgend.
Viele Strömungen und viele Autoren angesehener Philosophien mögen die Massen aus der Überzeugung heraus, daß sie verhängnisvoll dumm oder zumindest abzulehnen seien, überhaupt nicht. In diesem Bereich sind zum Beispiel Nietzsche und Ortega y Gasset gut bekannt. Heidegger zeichnet auf strenge Weise die menschlichen Bedingung der Vermassung in heutigen Zeiten. Eine Bedingung, die sich nur aus praktischen Interessen ergibt, die vor Angst bleich vor der Zeit und dem Nichts Subjekt einer technologischen Vernunft wird, die unfähig ist die Realität zu begreifen, wenn nur als Magazin der Nützlichkeiten und die sie nur mittels Rechnungen interpretiert.
Die Subjekte, die diese verdammte Masse bevölkern, denken nicht, denn an ihrer Stelle denkt die unpersönliche kollektive Meinung, und sie sprechen nicht einmal wirklich, denn ihre Sprache nennt das Sein und das Heilige nie. Ein ähnliches Sprechen dürften wir uns eher von einigen Dichtern (bezeichnenderweise von Hölderlin) erwarten. Es sind herausragende Persönlichkeiten (, sie ähneln den Übermenschen Nietzsches, ), die dem Menschen, wenn er sie hören würde, das Helldunkel der Enthüllung und der Verschleierung, die für Heidegger die Wahrheit darstellen, eröffnen könnten.
Es würde keine Mühe bereiten, Internet die Kraft der gepredigten Analysen dieses suggestiven Denkers entgegenzuschleudern. Die Anklagebank könnte aber genauso gut Herbert Marcuse besetzen, welcher in Internet die repressive Kraft eines Superintellekts erkennen würde, der von einer Überherrschaft ersonnen wurde, um künstliche Bedürfnisse aufzuzwingen und Gefühle und Sensibilität auszudörren.
Eine gemäßigte Position könnte diese Katastrophentheorien, die ich gerade vorgestellt habe, demontieren, indem sie darauf aufmersam machte, daß das planetarische Netzwerk nichts anderes als ein Instrument ist. Es reicht, es als ein solches zu aktzeptieren, um jeden bekannten negativen Aspekt zunichte zu machen und mit Vertrauen dazu überzugehen, eine Menge nützlicher Informationen - angefangen von der genauen Uhrzeit, über die Übereinstimmung des Korans, den Hotelverzeichnissen bis hin zu den Katalogen der großen Bibliotheken - zu erhalten.
Aber es muß überprüft werden, ob die Notion eines Instrumentes ausreichend ist, um die ganze Wahrheit über Internet zu erfahren, und ob Internet seinerseits nicht Indikationen oder Analogien bereithält, die sich von der reinen Instrumentalität unterscheiden.
An dieser Stelle kehren wir nicht unpassenderweise wieder zum 18. Jahrhundert in Deutschland zurück, im besonderen zur Tradition zwischen Leibniz (einer der ersten, der sich mit Rechenmaschinen und binärer Logik befaßte) und Baumgarten.
Die Metaphysik dieser Tradition erklärt das ganze Sein, das Existierende als auch das Mögliche, als Bevölkerung einfacher, elementarer Anstalten, von denen jede in Zusammenhang mit den anderen steht. Leibnit nannte sie Monaden. Miteinander in Zusammenhang stehen bedeutet, daß jede Monade Grund und Folge einer Zeit für jede andere Monade darstellt. Alle unter- und miteinander in Zusammenhang ist jede Monade Objekt und Subjekt der Handlung. Die Handlung konzentriert sich in der Darstellung. In Gleichnis zum System, das wir hier darstellen, ist jede Monade Speculum universi, Spiegel aller anderen. Aber sie ist nicht nur einfacher Reflektor, da ihr Darstellen aktiv ist. Ein solcher Spiegel ähnelt unserem Bildschirm im Netz sehr.
Die Ursache der endlichen und wandelbaren Monaden wird von unserer Welt bereitgehalten. Die Monaden, die in der Lage sind, die Welt mit intelektueller Klarheit darzustellen, sind geistvolle und freie Personen.
Zusammen begründen sie das Reich der Güte. Die verbleibenden Monaden, die in diesen oder jenen Körperschaften vermischt sind, bilden das Reich der Natur, das Subjekt der mechanischen Gesetze. Der absolute Raum und die absolute Zeit, so wie von Newton ersonnen und noch heute unser öffentlicher und gewöhnlicher Bezugspunkt, passen sich dem Reich der Natur, nicht aber dem Reich der Güte und noch viel weniger im Inneren der Monadengesamtheit, an. Nach Leibniz und seinen Anhängern werden die Wörter "Raum" und "Zeit" auf die Definition eines relativen Systems angewandt, das so beschaffen ist, daß alles in aktiver Harmonie mit allem stehe, und nichts mit Zentimeterregeln oder Uhren gemein habe.
Man kann erkennen, daß Newton sich an der Steuerung, der Vehikel, die auf dem Mond geschossern wurden, befand, denn dieselben wurden den mechanischen Gesetzen des Himmels anvertraut. Und so könnten wir genauso zugeben, daß die Raumzeit des Netzwerkes von Leibniz geordnet wurde. Jeder Benutzer, der seine Daten aufgibt, ist eine mit allen anderen verbundene Monade, jeder Bildschirm stellt das Netzwerk dar. Der freie Informationsaustausch zwischen Person und Person ist das Reich der Güte, die Bevölkerung der Hardware ist das Reich der Natur, die Software erlaubt die Verbindung beider Reiche.
Indem das Netzwerk in Analogie zu Leibniz und Leibniz in Analogie zum Netzwerk dargestellt wurden, fällt es schwer, Internet nur als Instrument zu betrachten. Aber noch schwieriger fällt es, Internet als Instrument zu betrachten, wenn wir in ihm historische, rhetorische und poetische Eigenschaften in Betracht ziehen. Die poetische Eigenschaft ist jenen Mitteilungen zu eigen, die erklärterweise eine Werbung darstellen oder verschleiert überzeugen sollen. Die historische Eigenschaft ist den Mitteilungen zu eigen, wenn man sie als Dokument und nichts anderes als ein Dokument ansieht. Die poetische Eigenschaft ist der Erscheinung, indem sie erscheint, zu eigen.
Jeder Bildschirm ist mit Sicherheit eine Erscheinung, deren poetische Eigenschaft von den verschiedenen künstlerischen Formen, die ins Netz geschickt werden, hervorgehoben wird. Jeder Bildschirm ist ein Verbindungspunkt, der mit wenigen Berührungen an den Punkten der Stimulation - auch links genannt - zu beschwören ist (die Beschwörung ist poetisch). Rimbaud würde sagen: Un coup de ton doigt sur le tambour décharge tous les sons et commence la nouvelle harmonie.
Die Analogie zu Leibniz, die ich gerade vorgestellt habe, ist als Idee zu bewerten, nach der Internet sich anpaßt, bis die Freiheit der Personen, die von den verschiedenen Sendepunkten aus teilnehmen, authentisch ist. Zur Zeit ist der Bruchteil freier Äußerung sicherlich beachtlich, Äußerungen, die manchmal so frei sind, daß die poetische Eigenschaft noch besonders hervorgehoben wird. Es ist nicht schwer, sich darüber klarzuwerden, daß das so wichtige und verbreitete Netz der Netze, das Interesse eines Jeden (staatliche Autoritäten, kommerzielle Konsortien, politische Vereinigungen und anderes mehr) anziehen wird oder schon anzieht, der das Reich der Güte nicht besonders schätzt und mit Verlangen die Möglichkeit sieht, kontrollierte Informationen abzuschicken.
Da Internetz das Netz der Netze ist, wird es aber nicht möglich sein, einen Schnitt- oder Interjektionspunkt zu finden, der alle seine Knoten kompromittieren würde, und noch weniger eine unerträgliche Tyrannei auf das gesammte Netz auszudehnen. Dies ist der typische Fall, indem die Technologie, im Gegensatz zu dem, was allgemein angenommen wird, auf der Seite der Freiheit und des menschlichen Gesprächs steht.